Andere Bibliothek 2010


Sheilah Graham: Die furchtlosen Memoiren der Sheilah Graham
Gerhard Henschel: Menetekel
Kati Marton: Die Flucht der Genies
Stig Dagerman: Schwedische Hochzeitsnacht
Friedrich Sieburg: Die Lust am Untergang
David R. Slavitt: Alice über alles
Eckart Kleßmann: Goethe und seine lieben Deutschen
Kerstin Holm: Macht und Geheimnis
Antje Vollmer: Doppelleben


Sheilah Graham: Die furchtlosen Memoiren der Sheilah Graham

Ein autobiographischer Roman, aus dem Englischen von Marguerite Schlüter.
(OT Beloved Infidel. The Education of a Woman 1958, mit Gerold Frank)

Eichborn 2010, AB 301, 379 S.

Glamourös, intelligent, ergreifend: Eine Emanzipationsgeschichte aus dem Herzen Hollywoods

Eine unwahrscheinliche, aber wahre Geschichte:

In ärmsten Verhältnissen in den Slums von London geboren, im Waisenhaus aufgewachsen, zur Näherin ausgebildet, dann Dienstmädchen in Londoner Herrenhäusern, doch alsbald umschwärmte Tänzerin in anzüglichen Revuen — die Biographie der lebenslustigen Sheilah Graham mutet an wie ein Filmstoff aus dem Hollywood der 40er und 50er Jahre. Und genau dort feiert die in die USA ausgewanderte, bildschöne Engländerin ihre größten Triumphe als Kolumnistin. Sie unterhält Amerikas kinoverliebte Provinz mit Märchen und Schauergeschichten aus der Traumfabrik. Das Aufsteigerschicksal gipfelt in der bitteren und traurigen Liaison der Autorin mit dem Dichter F. Scott Fitzgerald (Der große Gatsby). Fast drei Jahre lang lebt Sheilah Graham mit dem Dichter zusammen. Der damals fast schon vergessene, inzwischen erfolglose Fitzgerald findet Halt in der Beziehung zu der Journalistin - und fällt immer wieder in seinen schweren Alkoholismus zurück. Seine große Zeit ist vorüber, Hollywood schiebt den Dichter beiseite, völlig vereinsamt stirbt er an der Seite seiner neuen unglücklichen Liebe.

Diese Memoiren zeigen das glamouröse London der 20er  und 30er Jahre und lassen die Zeit aufleben, in der Amerikas Filmindustrie die Vereinigten Staaten mit mythisch gewordenen Filmen neu erfand.

Sheilah Graham, als Lily Sheil 1904 in London in ärmlichsten Verhältnissen geboren und von der Mutter mit sechs Jahren in ein Waisenhaus gegeben, schaffte den Sprung nach Hollywood und wurde dort als Sheilah Graham eine der erfolgreichsten Kolumnistinnen ihrer Zeit. 1988 starb sie in Palm Beach, Florida.



Gerhard Henschel: Menetekel

3000 Jahre Untergang des Abendlandes

Eichborn Februar 2010, AB 302, 370 S.

»Soviel ergötzliches Unglück war nie:
Eine Parade der Unheilsverkünder aus 3000 Jahren«

Nach allem, was wir von unseren Vorfahren wissen, sind die Klagen über den Verfall der guten Sitten so alt wie die Menschheit. Und häufig waren sich die Herren der Apokalypse schnell einig darüber, wer am Niedergang aller  Werte eigentlich Schuld hat: die Frauen, besser gesagt: das Weib, das sinnliche. Schon im zweiten Jahrhundert malte sich ein christlicher Schwarzmaler die Hölle aus: Dort würden »Weiber an ihren Flechten über jenem aufsiedenden Koth aufgehängt; das waren die, welche sich zum Ehebruch geschmückt hatten; die aber, die sich mit dem Miasma des Ehebruchs jener Weiber befleckt hatten, waren an den Füßen aufgehängt und hatten die Köpfe in jenem Koth ...«

Die Angst vor der Verführung ist so verbreitet wie die Flucht davor: die lustfeindlichen Endzeitpropheten des Mittelalters rückten den christianisierten Sündern mit grausamen Unheilsvisionen zu Leibe. Im Zeitalter der Aufklärung meldeten sich Gegenaufklärer zu Wort, die mit der Anerkennung des Rechts auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit jedes einzelnen Menschen gleich den Fortbestand der Menschheit gefährdet sahen. Auch danach sind die Völker des Abendlands noch von unzähligen Mahnern und Warnern zu den Waffen gerufen worden und oft genug Propheten gefolgt, die ihnen einreden wollten, daß es redlicher und Gott wohlgefälliger sei, einen Massenmord zu begehen als einen Seitensprung.

In seinem Buch nimmt der »Zivilist« Gerhard Henschel eine Parade der Unheilsverkünder ab - von den Kirchenvätern über die Frühhumanisten und den Poeten der Befreiungskriege bis hin zu Osama bin Laden, und er rät zur Gelassenheit im Umgang mit allen Apokalyptikern.

»Ich weiß wohl, dass jeder denkende Mensch seine Zeit für die allererbärmlichste hält: aber ich muss gestehen, daß ich von der Illusion nicht frei bin.« Arthur Schopenhauer.

Gerhard Henschel, geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von Hamburg. Zuletzt erschienen seine Bücher Neidgeschrei. Antisemitismus und Sexualität (2008), Die Springer-Bibel. Ein Panorama der Mediengeschichte (2008) und Da mal nachhaken. Näheres über Walter Kempowski (2009) und Jugendroman (2009).



Kati Marton: Die Flucht der Genies

Neun ungarische Juden verändern die Welt
Eine literarische Reportage

Eichborn 2010, AB 303, 382 S.
(OT The Great Escape, Nine Jews Who Fled Hitler and Changed the World, 2006)
Aus dem Englischen von Ruth Keen

»Wie kann eine einzige Stadt so unterschiedliche Genies hervorbringen?«

Arthur Koestler, André Kertész und Ropert Capa. Michael Curtiz und Alexander Korda. Léo Szilárd, Eugene Wigner, John von Neumann und Edward Teller. Neun ungarische Genies, die in Budapest aufwuchsen, ihre Heimat verlassen und ins englische und amerikanische Exil  fliehen mussten. Eine Spurensuche.

Kein anderes Land Europas hat, gemessen an seiner Bevölkerungszahl, so viele Nobelpreisträger hervorgebracht wie Ungarn. Kati Marton schildert das Schicksal von neun hochtalentierten ungarischen Juden, die erst vor den Schrecken der Horthy-Diktatur und dann vor den Verbrechern des Nationalsozialismus flohen und die Welt veränderten. Ohne die Nuklearphysiker und Mathematiker Léo Szilárd, Eugene Wigner, John von Neumann und Edward Teller hätte es die Atombombe nicht gegeben. Die Photographen André Kertész und Ropert Capa prägten Kunst- und Kriegsphotographie des 20. Jahrhunderts. Der Regisseur Michael Curtiz ist der Schöpfer des unsterblichen Melodrams »Casablanca«. Alexander Korda, Produzent von »Sein oder Nichtsein«, »Anna Karenina« und »Der dritte Mann«, prägte die britische Filmgeschichte wie kein anderer. Arthur Koestler schließlich sollte neben George Orwell als der berühmteste politische Essayist und Schriftsteller in die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts eingehen. Sie alle gehörten zur gleichen Generation und wuchsen während der goldenen Periode Budapests auf.

Die Autorin Kati Marton, die mit ihren Eltern ein Jahr nach dem Aufstand von 1956 auf einer abenteuerlichen Flucht aus Budapest entkam, erzählt die Lebensgeschichten dieser genialen Männer, ohne deren Leistungen in Wissenschaft und Kunst das 20. Jahrhundert nicht vorzustellen ist. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Konzentration von jungen Talenten in einer einzigen Stadt?
Sie ist die Autorin von »Wallenberg« und »Tod in Jerusalem« und lebt in New York.



Stig Dagerman: Schwedische Hochzeitsnacht

Eichborn 2010, AB 304, 285 S.
(OT Bröllpsbesvär 1949)
Aus dem Schwedischen von Herbert G. Hegedo
Mit einem Vorwort von Per Olov Enquist

Ein verstörender Alptraum aus Gewalt und Maßlosigkeit in dörflicher Idylle

»Das junge, in die Irre geführte Genie scheint seine Wurzeln zu suchen, es wird ein seltsamer und wahnsinniger Roman, der letzte Per Olov Enquist

Auch das Glück braucht einen Raum, in dem es sich entfalten kann: Schonungslos schildert Stig Dagerman die Hochzeit des Schlachtermeisters Westlund mit Hildur Palm. Statt ländlicher Idylle offenbart Dagermans sezierender Blick ein grausames Geflecht boshafter Charaktere, die einander in Hass, Habsucht, Neid und sexueller Gier verbunden sind. In der Vorbereitung zum Fest begegnet die Dorfgemeinde sich selbst - und ertränkt das Entsetzen in einer grotesk geschilderten Nacht voll Gewalt und Alkohol.

Stig Dagerman entlarvt das liebliche Bild schwedischer Behaglichkeit zwischen Seen und Wäldern, das nicht nur in Deutschland immer noch vorherrscht. Schwedische Hochzeitsnacht nimmt in seiner verstörenden literarischen Wucht die gesellschafts­kritischen Abrechnungen Ingmar Bergmans mit seinem Land vorweg - und ist zugleich weit mehr als eine lokale Charakterstudie vom Leben in familialer Abhängigkeit und Beschränktheit.

»Je unfreier und armseliger das Leben ist, desto stärker werden unsere Vorstellungen von einem anderen Dasein, vom Leben in Freiheit und Ehre« Stig Dagerman

Stig Dagerman (1923-1954) galt als »Wunderkind der schwedischen Literatur«. Seine empfindsam-kritische Schilderung der zerbombten Hansestadt Hamburg aus dem Jahr 1946 ist den Sesern der Anderen Bibliothek aus Europa in Ruinen bekannt.
Schwedische Hochzeitsnacht, sein letzter Roman, gilt als das Hauptwerk des Dichters, der bei Erscheinen des Buches gerade einmal 26 Jahre alt war.
Stig Dagerman legte zwischen 1945 und 1949 vier Romane und eine Novellen­sammlung vor. Mit einunddreißig Jahren nahm er sich 1954 das Leben.



Friedrich Sieburg: Die Lust am Untergang

Selbstgespräche auf Bundesebene

Mit einem Vorwort von Thea Dorn

Eichborn 2010, AB 305, 419 S.

Die chronische Sehnsucht nach der Apokalypse

Wir Deutsche malen am liebsten schwarz. Wenn uns im Augenblick keine Katastrophe heimsucht, dann sehen wir eine kommen. Wir können, so scheint es, ohne die apokalyptischen Ängste nicht existieren. Niemand durchschaute die dunklen Süchte unserer Seele genauer als der große Zeitkritiker Friedrich Sieburg, einer der brillantesten Stilisten seiner Epoche. Seine Bücher wurden zu Hunderttausenden verkauft. Doch in Deutschland steht sein Werk - anders als in Frankreich - unbeachtet im Schrank. Er war kein Mann der politischen Eindeutigkeit und schon gar nicht des Widerstandes gegen den Nazismus. Und dennoch - oder darum - ist er einer der wichtigsten Zeitgenossen jener Epoche, die er in seiner grandiosen Polemik von 1954 Revue passieren lässt.

Friedrich Sieburg, 1893 in Altena (Westfalen) geboren, 1964 bei Stuttgart gestorben, Korrespondent der »Frankfurter Zeitung« in Kopenhagen, London und Paris, Autor der Studie Gott in Frankreich, Vorgänger von Marcel Reich-Ranicki in der Literaturredaktion der FAZ.



David Rytman Slavitt: Alice über alles

Die Kinderliebe des genialen Erzählers Lewis Carroll

Eichborn 2010, AB 306, 271 S.

Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer

Ein Stück Weltliteratur - und seine verborgene Wahrheit

Jeder kennt und liebt Alice im Wunderland? Alice über alles ist der realistisch und zugleich anmutig erzählte, freilich auch kompromittierende Roman über die Beziehung des Autors Lewis Carroll zu seinen Kinderfreundinnen - und was das Leben aus ihnen machte.

Im Herbst des Jahres 1932 verlieh die Columbia-Universität in New York in feierlichem Zeremoniell der achtzigjährigen Alice Hargreaves die Würde einer Ehrendoktorin für ihre Verdienste um die Literatur, die sie sich als Vorbild der titelgebenden Figur im genial-absurden Märchen von Lewis Carroll erworben hatte.

David R. Slavitt, Lyriker, Romancier und Übersetzer, hat diese groteske Szenerie nicht erfunden, sie ist historisch verbürgt. Die Auszeichnung galt natürlich nicht nur dem Charme eines Kindes, das die Phantasie des schüchtern-stotternden Universitätsdozenten beflügelte, sondern dem Kauz selber, der in kurioser Mischung Mathematik, klassische Literatur und Theologie am Christ College in Oxford lehrte. Lewis Carroll war, vernarrt in kleine Mädchen, denen auch seine zweite Passion galt: die Fotographie.

Die Ehrendoktorwürde wurde für die alte Alice zum Anlaß, sich der Wahrheit jener fragwürdigen Liebe des so viel älteren Gelehrten zu ihr und zu ihren Nachfolgerinnen zu öffnen. So ist »Alice über alles« der realistisch und zugleich anmutig und kunstvoll ironisch erzählte, freilich auch kompromittierende Roman über die Beziehung des Autors Lewis Carroll zu seinen Kinderfreundinnen - und was das Leben aus ihnen machte.

David R. Slavitt, 1935 in White Plains, New York geboren, bewies in seinem poetischen, erzählerischen und essayistischen Werk, daß er in der Welt der Antike genauso zu Hause ist wie in der von William Shakespeare oder der Moderne. Wie viele amerikanische Schriftsteller hat er lange Jahre an großen Universitäten gelehrt.



Eckart Kleßmann: Goethe und seine lieben Deutschen

Ansichten einer schwierigen Beziehung

Eichborn 2010, AB 307, 309 S.


Nichts Neues aus Weimar? Von wegen - der Alte überrascht noch immer!
Das einzige Goethe-Buch, das uns noch gefehlt hat...

Goethe mag zwar der über alles verehrte deutsche Dichter sein, aber waren die Deutschen auch sein über alles geschätztes Volk?

»Sie mögen mich nicht! Das matte Wort! Ich mag sie auch nicht! Ich habe es ihnen nie recht zu Danke gemacht.« Goethes zornige Bemerkung über die Deutschen charakterisiert das schwierige Verhältnis des Dichters zu seinen Landsleuten - und umgekehrt. Zwar haben ihn die Deutschen zu Lebzeiten respektiert als ihren ersten Dichter, doch geliebt haben sie nicht ihn, sondern Schiller. Goethe hielten sie für einen suspekten Charakter. Seinem Erfolgsbuch Die Leiden des jungen Werther warfen sie vor, er verleite zum Selbstmord; die Römischen Elegien und Wilhelm Meisters Lehrjahre galten als unsittlich, seine Lebensgemeinschaft mit Christiane Vulpius empfand man als skandalös, seine Verehrung für Napoleon als Verrat, sein Verhalten in den »Befreiungskriegen« als unpatriotisch und unwürdig. Auch Goethe hielt sich nicht zurück: Er bezeichnete das deutsche Volk als »achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen«.

Vor dem Hintergrund der Biographie beschreibt Eckart Kleßmanns Studie, mit Kennerschaft und Elan geschrieben, Goethes Beziehung zur deutschen Kunst und Kultur, zur deutschen Sprache, zur deutschen Landschaft. Sie bringt uns sein Plädoyer für eine Weltliteratur wieder nahe, sie beleuchtet sein ambivalentes Verhältnis zum Judentum und zum Islam und seine Vorstellungen von Deutschlands politischer und wirtschaftlicher Verfassung.

Eckart Kleßmann, geboren 1933 in Lemgo, schrieb u.a. Bücher über die deutsche Romantik und mehrere Biographien, darunter E.T.A. Hoffmann (1988), Christiane. Goethes Geliebte und Gefährtin (1992), Napoleon. Ein Charakterbild (2000). Für seine Darstellungen historischer Themen wurde er 1998 mit dem Lion-Feuchtwanger-Preis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet. Eckart Kleßmann lebt in Mecklenburg. Im Frühjahr 2008 erschien in der Anderen Bibliothek als 281. Band Universitätsmamsellen - Fünf aufgeklärte Frauen zwischen Rokoko, Revolution und Romantik.



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© Ralf 2010